Den Abschluss unserer Serie über ehemalige Bio-Schülerinnen bildet dieses Porträt über Michael Rodriguez. Michael konnte dieses Jahr einen Biobetrieb in La Ferrière übernehmen.

In der ureigenen Freiheit

Rings um das sanft ansteigende Grünland drückt der Herbst die schönsten Farben ins Laub, zwei mächtig ausladende Ahornbäume, mitten auf dem Hofgelände, erzählen von fernen Jahrhunderten, und jedes Mal, wenn Michael Rodriguez, genau beobachtet von seinen Kühen, kurz von seiner Zaunarbeit aufblickt, schweift sein Blick über die Talschaften, bis hinüber nach Frankreich, markiert von jener Schlucht, durch die der Doubs seiner Wege geht.

La Ferrière heisst das nahe Dorf; zwar liegt es zwischen St-Imier und La Chaux-de-Fonds, mehrheitlich aber befindet es sich in seiner ganz eigenen Welt. Hier, am westlichen Rand der Schweiz, auf Tausend Meter über Meer, ist alles weit weg, und überall duftet es nach einer handfesten Freiheit. Genau danach hat der 43-jährige Michael lange gesucht.

Die Weideflächen sind gross, aber auf 1050 Meter über Meer kann Michael von seinen Grünflächen, insbesondere bei zunehmend trockenen Sommern, nicht viel Ertrag erwarten.

Mit Landwirtschaft hatte er lange herzlich wenig am Hut. In Lausanne hat er gewohnt, als Journalist gearbeitet. Erst für die Tageszeitung 24 heures; über Filme, Bücher, Theateraufführungen, Gesellschaftliches hat er geschrieben. Später wechselte er zu Le Courrier und schrieb während acht Jahren über Politisches. Irgendwann fand er darin keine Zufriedenheit mehr. «Ich fragte ich mich, was das eigentlich soll: Wieso muss ich eingesperrt in einer Wohnung leben, die absurd viel kostet? Wieso soll ich ein Zahnrad bilden in einer gefängnisähnlichen Welt, die mich unfroh und unfrei macht?»

Das Gefühl, die Gesellschaft sei deutlich zu eng, bedrängte Michael schon früh. Als er sich mit 19 zur Aushebung melden musste, verfügte er noch nicht über den Mut, dem eigenen Willen zu folgen. Die als komplett sinnfrei erlebte Zeit im Militär öffnete ihm aber die Augen. Die Aufforderung, am obligatorischen Feldschiessen teilzunehmen, ignorierte Michael so geflissentlich wie die Busse, die danach ins Haus flatterte. Er war schlicht nicht bereit, für das Nichterfüllen einer als unsinnig erlebten Pflicht etwas zu bezahlen, setzte sich lieber drei Tage ins Gefängnis – und meldete sich zur so genannten Gewissensprüfung, die damals noch zu bestehen hatte, wer zugelassen werden wollte zum zivilen Ersatzdienst.
Im Lebenslauf von Micheal Rodriguez finden sich inzwischen ein paar Wendungen; improvisieren zu können, bleibt wichtig.

Ein vier Monate umfassender Aufenthalt in Afrika, der sich im Zivildienst für ihn ergab, wurde zum prägenden Erlebnis. In Senegal, Mali und Mauretanien wirkte Michael in Projekten von Les jardins de cocagne mit, einer Westschweizer Kooperative, die sich weltweit für den Anbau wertvoller Nahrungsmittel einsetzt. Die Erfahrungen in Afrika gingen Michael unter die Haut, ließen ihn nachsinnen über das Verhältnis des Menschen zu seiner Landschaft, seiner Arbeit. Die Idee, im vierzigsten Lebensjahr noch eine landwirtschaftliche Lehre zu absolvieren, bezeichnet Michael dennoch als Zufall; im Mai kam die Idee auf, im August begann er mit der Lehre. «Zum Glück habe ich mir damals nicht überlegt, was es heisst, diese Ausbildung zu machen», erzählt Michael. «Sonst hätte ich sicher nicht damit angefangen.» Denn die Lehrjahre hat Michael als hart erlebt.

Das Vorhaben, einen Hof zu kaufen, lag ihm fern. «Mit einem privaten Vermögen von knapp fünfzigtausend Franken – was hätte ich denn da kaufen sollen? Einen Hühnerstall?» Jetzt lacht er laut, lacht über sich oder über das kapitalistisch geprägte Leben, das wird nicht so klar. Deutlich ist nur, dass es ihm nicht liegt, sich selber oder das Leben als bierernste Veranstaltung zu sehen.

Michael Rodriguez liebt es, seine Tiere zu beobachten, insbesondere sein Rätisches Grauvieh. Von Hand zu melken, das war eigentlich nicht geplant. Von Konzepten, die am Schreibtisch entstehen, hat er aber noch nie besonders viel gehalten.

Während des zweiten Lehrjahres wurde unvermittelt ein Kaufangebot an ihn herangetragen, und dank der Stiftung Bergheimat wie auch dank privater Geldgeber war es Michael möglich, den 16 Hektaren umfassenden Hof zu übernehmen.

Seit Januar 2019 ist er also sein ganz eigener Chef. «Nie zuvor hatte ich so viele Freiheiten. Aber ich habe jetzt auch Sorgen, von denen ich bisher nichts wusste.» Damit meint er nicht zuletzt die Lungenwürmer, die mit dem Zukauf eines Tiers auf seinen Hof gelangt sind, die ihn seit Monaten beschäftigen und das gesamte Weidesystem über den Haufen geworfen haben.

Auch aufgrund des Lungenwurms hat Michael Rodriguez auf den Weiden ziemlich improvisieren müssen.

Wer sieht, wie Michael mit seinen Kühen, Schafen, Ziegen, mit seinem Eseln und seinem Pferd umgeht, braucht wenig Phantasie, um zu verstehen, wie er leidet, wenn es einem Tier nicht gut geht. Besonders verbunden fühlt er sich mit dem Rätischen Grauvieh. «Ich liebe es, mich dem Charakter einer Kuh anzunähern, Nuancen in der Herdenkommunikation festzustellen oder zu beobachten, was mit einer Kuhmutter passiert, wenn sie ein junges Kalb hat.»

Rechts im Bild ist jener Bock zu sehen, der eigentlich nicht mehr auf dem Hof sein sollte. Aber Michael Rodriguez findet die ethische Frage, die beim Schlachten eines Tiers aufkommt, immer wieder extrem schwierig.

Im Stall herrscht eine geradezu biblisch anmutende Atmosphäre. Alle Unterteilungen sind aus Holz gefertigt, die Abendsonne scheint durch die Fenster, und statt der Melkmaschine ist das ruhige Schnauben und Fressen der Kühe zu hören.

«Ich habe nie zuvor von Hand gemolken», erzählt Michael. «Eigentlich war alles vorbereitet: Der Vakuumapparat, der Standeimer, das Aggregat. Aber der Effort, alles in Betrieb zu nehmen und die Kühe daran zu gewöhnen – das hat mich abgeschreckt.»

Die ethische Frage, die beim Schlachten eines Tiers aufkommt, findet Michael Rodriguez immer wieder extrem schwierig.

So melkt er also von Hand; fünf Kühe stehen im Stall. An zwei Zitzen trinkt das Kalb, die anderen beiden Zitzen umfasst Michael mit der Hand, harmonischer geht es kaum. Und in der Hofkäserei entstehen kleine, umwerfend feine Käselaibe.

Farblich und haptisch immer wieder grossartig, im Ackerbau aber doch schwierig: Die Kalksteine des Jura.
Eine Pflanze, die mit den lokalen Gegebenheiten offenbar bestens zurande kommt: der Buchweizen.

Auch wenn bei Michael die Tiere im Zentrum stehen: Er sammelt auch Erfahrungen im Ackerbau. Die Böden sind voller Steine, selten tiefer als fünfzehn Zentimeter, aber Ackerbau ist möglich. Weizen und Dinkel hat er angebaut; das Mehl verkauft Michael direkt oder an kleine Läden in der Region. Neu entdeckt hat Michael den Buchweizen: Bestrickend grau und rot leuchtend stehen die filigranen Pflanzen auf dem Acker. Michael hat nicht gedüngt, kein Unkraut reguliert, keine Krankheit festgestellt. Er spricht von einer idealen Pflanze. Und einer winzigen Nische, die er damit besetzen kann.

Wie viele Nischen aber braucht es, damit sich der Hof wirtschaftlich halten kann? Michael versteht durchaus, dass diese Frage von Gewicht ist. «Ich bin noch ganz neu hier, muss mich einleben. Klar: Ich muss ein paar Dinge ändern, derzeit ist es zu viel Arbeit, ich bin ja meist ganz allein. Aber am Schreibtisch und mit dem Taschenrechner ein Konzept zu erarbeiten, das liegt mir nicht. Das Denken geht mir Hand in Hand mit der tätigen Arbeit. Es wird sich schon zeigen, ob ich auf einem guten Weg bin.»

Dann lacht er wieder. Über sich selbst? Über das unberechenbare, sich nicht an Pläne haltende Leben? Egal. Es ist die Freiheit, die zählt.

Text und Bilder: Urs Mannhart erscheint in den Ehemaligen-Nachrichten 04/2020